Donnerstag, 18. September 2014

#OERde14 - was ist geblieben?

Die Zeit rennt. Es ist schon wieder fast eine ganze Woche seit der zweiten OER-Konferenz in Berlin #oerde14 vergangen und deshalb höchste Zeit für einen Rückblick, in dem ich gerne einige Sterne vergeben möchte.
5***** gehen an:
- das gesamte Orga-Team. Hut ab, sie haben ihre Aufgaben prima gemeistert. Im letzen Jahr war ich selbst im Team dabei, deshalb weiß ich, wie viel Engagement gute Organisation und die Betreuung der Teilnehmer kostet. In diesem Jahr waren deutlich mehr Teilnehmer dabei und die Räumlichkeiten stellten eine echte Herausforderung an die Orientierung dar. Sebastian Horndasch als Hauptorganisator und Jöran Muuß-Merholz als Moderator haben nicht nur alles perfekt im Griff gehabt, sondern sorgten auch für eine lockere und streckenweise durchaus humorvolle Atmosphäre.

Die Mischung der Themen im kuratierten Teil der Konferenz hat für mich perfekt gestimmt. Die Unterteilung in Themenblöcke hat die Wahl der Vorträge erleichtert. Ich habe mich im ersten Durchgang für „MOOC goes OER - und umgekehrt - Offene Bildungsressourcen als unverhandelbare Komponente einer MOOC-Plattform“ entschieden. Dr. Michael Kopp, Leiter der Akademie für Neue Medien und Wissenstransfer an der Universität Graz, präsentierte #iMooX, eine Plattform auf der ausschliesslich #OER-MOOCs angeboten werden. Das ist sicher eine wichtige Tatsache, doch mich hat etwas anderes überrascht. Bei dem im Oktober startenden Online-Kurs "Gratis online Lernen" #gol14 wird es ein gedrucktes Arbeitsheft geben, das man kostenlos anfordern kann. Damit findet eine echte, haptische Verknüpfung der digitalen und analogen Lernwelten statt.

Im zweiten Vortrag den ich besuchte, ging es um Lernox – eine Online-Plattform zum Suchen und Kuratieren freier Lernmaterialien. Die Zielgruppe dieser Plattform sollen vor allem Lehrer sein, was meine persönliche Identifikation mit der Idee etwas erschwerte (ich kann mich nur schwer bis gar nicht in die Denkweise einer Lehrerin versetzen) und keine eindeutige Meinung erlaubte.
Aller guten Dinge sind drei und den dritten Vortrag habe ich nicht besucht, sondern selbst gehalten. Ich war äußerst gespannt, ob sich bei den tollen Angeboten, die parallel liefen, überhaupt jemand für mein Thema "Corporate Learning meets OER" interessieren würde. Doch der Raum war gut gefüllt und es entwickelte sich eine interessante Diskussion, die Mut macht, an dem Thema dran zu bleiben.
Am zweiten Tag habe ich mit dem Vortrag "Open Education als diskursives Feld - Regeln und Mechanismen" mein persönliches Highlight gehabt. Ich erlebte Dr. Anja Wagner (ununi.tv) und Dr. Markus Deimann (FernUniversität in Hagen) als kurzweilige, inspirierte, visionäre und gleichzeitig pragmatische Redner, bei denen ein Hauch von echter Bildungsrevolution deutlich zu spüren war. Ihre drei Thesen: "Infantilisierung durch OER" (#OER werden häufig nur aus Schulsicht betrachtet und nicht aus gesamtgesellschaftlicher Sicht. Dass freie Inhalte didaktisch als OER aufbereitet werden, entspricht einem alten Weltbild, und ist überholt); "Technokratisches Verständnis von OER" unterstützt die Betrachtung der Bildung als Ware; "Nur ein emanzipatorisches Verständnis von OER öffnet die Bildung" teilte ich weitgehend mit. Stellenweise hatte ich während der Konferenz das Gefühl, OER sind nur gut, wenn sie sich in alte Strukturen anpassen lassen und am Ende alle ihr Stück Kuchen bekommen. Aber dazu gleich mehr…
Der letzte Vortrag den ich besucht habe, hat mich ein wenig irregeführt. Zugegeben, ich habe im Vorfeld nur den Titel gelesen und dachte zu wissen, worum es gehen wird. "Living Books - Ein Geschäftsmodell?" klang verlockend, weil ich den Begriff "Living Books" aus einem ganz anderem Zusammenhang (ein Veranstaltungsformat, bei dem Menschen als sogenannte "Lebende Bücher" für persönliche Gespräche gebucht werden können) kenne. Außerdem gibt es mit der gleichen Bezeichnung eine Marke des Verlags Random House für Kinderbücher. Der Vortrag handelte aber über eine Open-Access-Publikationsplattform, die ein OER-Handbuch für Handchirurgen im Pilotprojekt herausgeben will. Tja, ein Markenwirrwarr das irgendwie auch sehr gut zum Thema passt ;-).
Nun komme ich zu den 4****, die an das BarCamp gehen.
Ganz klar, für die Qualität der angebotenen Sessions sind die Teilnehmer und nicht die Organisatoren verantwortlich. Deshalb picke ich keine einzelnen Sessions heraus, sondern fasse den Eindruck der von mir besuchten Angebote zusammen. Insgesamt erlebte ich nicht wirklich etwas Neues. Es ging entweder um die Vorstellung bestehender Projekte, die ich von anderen Anlässen bereits kannte, oder um die Fortsetzung der notwendigen aber im Format eines BarCamps wenig effektiven Grundsatzdiskussion zu OER. Ich fand es ein wenig schade, dass spannende Ansätze, zum Beispiel zu neuen Geschäftsmodellen, im Sande verlaufen sind, weil sich die Diskussion an der Frage der "kostenfreien Bildung" festgebissen hat. Persönlich vermisste ich einen wirklich innovativen und  mutigen Geist, dessen Spur ich glücklicherweise im Vortrag von Anja Wagner und Markus Deimann wieder traf.

Drei oder weniger Sterne vergebe ich nicht, dafür war die Konferenz insgesamt zu viel zu gut.

Nach der Konferenz ist vor der Konferenz und ich kann mir denken, dass die Organisatoren bald neue Pläne schmieden werden. Deshalb schreibe ich schon heute meine drei Wünsche für das nächste Jahr:

  1. Behaltet das tolle Orga-Team!
  2. Statt BarCamp an zwei Tagen, gerne längere Workshops/Arbeitsgruppen (Themen vorab bekannt geben) an einem der beiden Tage.
  3. Weniger Schulbildung, mehr Hochschul- und #Weiterbildung bei den Themenschwerpunkten.  
Eins ist sicher - im nächsten Jahr bin ich wieder dabei!