Montag, 23. November 2015

Ich sehe, was Du nicht siehst – warum gute Webinare eine Kamera brauchen

Würde ein Trainer* oder ein Redner sich bei einem Vortrag hinter der Pinnwand verstecken, um aus dem Versteck zu sprechen und den Beamer zu steuern? Wahrscheinlich nicht. Doch warum tun sie es in Webinaren? Die Unsitte keine Kamera in Webinaren zu benutzen ist sehr stark verbreitet. Das Phänomen, das vor einigen Jahren noch mit den Tücken der Technik und zu schwachen Internetverbindungen zu begründen war, hält sich hartnäckig und führt dazu, dass Webinare immer noch für Audiovorträge mit Schaubildern gehalten werden.
Das ist echt schade, weil in Webinaren ein enormes Potential steckt, nicht nur Weiterbildungsmaßnahmen, sondern auch Marketingaktivitäten effizient, kostengünstig und modern zu gestalten. Vorausgesetzt man nutzt alle technischen Möglichkeiten aus, die das Medium bietet. Neben guter Audioverbindung (am besten über Headset), einem scharfen und gut beleuchteten Kamerabild gehören noch Interaktionen mit den Teilnehmern dazu. Interaktionen sind ein spannendes Thema und verdienen einen eigenen Beitrag. Heute nehme ich die Kameranutzung in Webinaren unter die Lupe.


Drei Dimensionen der Kommunikation

Kommunikation ist viel mehr als verbale Vermittlung sachlicher Inhalte. Der Kommunikationsforscher Dr. Alfred Mehrhabian** fand in seinem Experiment heraus, dass auf die verbale Dimension lediglich 7% der Kommunikation entfallen. 38% sind paraverbal. Darunter sind der Tonfall, die Stimmlage und die Lautstärker zu verstehen. Mehr als die Hälfte, nämlich 55% macht die nonverbale Dimension aus. Das sind vor allem Mimik, Gestik, Körperhaltung. Und genau darauf verzichtet ein Redner, der im virtuellen Raum keine Kamera benutzt. Das heißt, ohne ein Live-Bild des Moderators kann ein Webinar nur halb so erfolgreich sein wie eine vergleichbare Präsenzveranstaltung!

Die Pipeline der Emotionen

In meinen Trainings der Medienkompetenz für Trainer erhalte ich auf die Frage, „Was lieben sie in Präsenztrainings, was sie in virtuellen Räumen nicht haben?“, meistens die drei Antworten:

  • die Nähe zu den Teilnehmern
  • die Möglichkeit auf Gruppendynamik angemessen zu regieren
  • die eigene Kompetenz/Sympathie zum Ausdruck zu bringen.

  • In allen drei Punkten hilft die Kamera!
    Sicher, es wird in den meisten Fällen (wobei es auch anders geht) bei der Einbahnstraße der Übertragung bleiben: Die Teilnehmer sehen den Moderator, er sieht die Teilnehmer nicht. Doch das reicht aus, um das Interesse der Teilnehmer für den Moderator zu steigern. Sie sehen seine Gestik und Mimik und erkennen, wie viel Herzblut in der Darbietung steckt. Das schafft Nähe, unterstreicht die Menschlichkeit (statt der technischen Präsentation) und erhöht das Vertrauen in die Kompetenz des Moderators.
    Manchmal kochen in Webinaren die Emotionen auf der Seite der Teilnehmer hoch. Verbale Angriffe durch die sogenannten „Troller“ bleiben nicht aus. Der Trainer muss damit souverän umgehen, um die gesamte Gruppe nicht zu verlieren. Die Kamera ist seine verbündete. Ein „Troll“ tut sich viel schwieriger damit, einen Angriff zu starten, wenn er dem Gegenüber direkt in die Augen schaut. Außerdem gelingt die Abwehr einer solchen Attacke einfacher, wenn die Emotionen des Trainers in seinem Gesicht „sichtbar“ werden.
    Die meisten Menschen tun sich schwer, mit gezieltem Blick in die Kamera zu sprechen. Deshalb genießen Sprecher, die das können, die Anerkennung des Publikums. Ein geübter Trainer weiß es und unterstreicht durch die Kamerapräsenz seine gesamte Fachkompetenz. Die Glaubwürdigkeit in sein Können steigt, die Teilnehmer fühlen sich gefesselt.

    Gesichter sind Magnete

    Wenn auf dem Bildschirm ein Gesicht zu sehen ist, dann zieht es die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich. Es erfordert starker Konzentration, sich dabei auf andere Elemente zu konzentrieren. Deshalb bei aller Liebe zu Kamera, manchmal ist es besser, wenn Sie ausgeschaltet bleibt. Wann? Wenn komplexe Sachverhalte mithilfe von Grafiken, Diagrammen oder per Bildschirmübertragung erläutert werden, dann sollte auf den Kameraeinsatz verzichtet werden. Wenn Handlungshinweise erläutert oder Beispiele aus der Praxis erzählt werden oder um Teilnehmer zu motivieren oder eine Diskussion zu führen, dann sollten die Kamera als Kommunikationshelfer eingeschaltet werden.   

    Fazit
    Ein Live-Bild mittels der Kamera sichert dem Trainer den Sympathiebonus beim Publikum. Es unterstützt die persönliche Ansprache, hilft Wichtiges mitzuteilen und bringt die persönliche Ausstrahlung des Trainers zum Ausdruck.
      

    *Im Text werden die Begriffe Trainer und Moderator als Synonyme verwendet. Sie stehen stellvertretend auch für Redner, Dozent, Tutor, Speaker und ähnlich. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde nur die männliche Form verwendet. Selbstverständlich sind immer auch Frauen gemeint.


    **Quelle: Mehrabian, A. (1981). Silent messages: Implicit communication of emotions and attitudes. Belmont, CA: Wadsworth (currently distributed by Albert Mehrabian, am@kaaj.com), Auszug via http://www.kaaj.com/psych/smorder.html, Version vom 13.10.15